2019

Einkaufs- und Verkaufskultur im Wandel

Das Jahr 2019 war das 30. Einheitsjahr. Dies veranlasste uns ein Interview über Einkaufs- und Verkaufsgewohnheiten in zwei Wirtschaftssystemen zu führen: der Blick einer Verkäuferin in die heutige Konsumgesellschaft und in die einstige DDR.

Bereits zu DDR-Zeiten arbeiteten Sie als Verkäuferin. Wie sehen Sie rückblickend Ihre Arbeit?
Ich habe zwei Jahre bis 1980 in der Ackerhalle in Berlin-Mitte gelernt. Ein Jahr später wurde mein Sohn geboren, kam in die Krippe, so dass ich ab September 1981 wieder in der Ackerhalle arbeiten ging. Ich fuhr täglich von Schöneiche mit der Straßenbahn nach Berlin. Der Anfahrtsweg beanspruchte viel Zeit, aber ich arbeitete gern in dieser großen Markthalle, vor allem weil dort der Standard hoch war.

Was bedeutet der Standard war hoch?
Die Ackerhalle bot technisch beginnend vom Bestellsystem bis zum Warensortiment viel. Es gab vier Fleischstände, drei Wurststände, Käsestände, den Hortexladen, einen großen Babyausstatter, Fahrradladen. Wir hatten alles, was man brauchte.

Anfang des Jahres 1982 wechselten Sie nach Friedrichshagen in die HO-Kaufhalle in der Bölschestraße.
In der HO-Halle fühlte ich mich von Beginn an wohl. Die Bölschehalle hatte ein gutes, gehobenes Fleischangebot. In Friedrichshagen war es sowieso wie auf einem türkischen Markt.

Warum war es wie auf einem türkischen Markt?
Weil die gesamte Bölschestraße mit Läden bestückt war: Herrenmode, Kinder- und Jugendmode, Fernsehläden, Möbelgeschäfte und ein Kaufhaus. Das war schön. Es war wunderbar zum Tauschen. Mit der Zeit kannten sich die Geschäftsinhaber, Verkäufer und Kunden untereinander. Wir kannten, halfen einander und wir tauschten. Zum Beispiel wurde Filetfleisch reserviert und dies mit anderen Waren getauscht.

Was änderte sich nach der sogenannten Wende?
Ich mache den Schnitt ab der Währungsunion (Juli 1990). Die Aufregung war schon beim Mauerfall groß. Danach waren die Kaufhallen leer. Vorher wurde viel geschimpft. Nun kauften die Leute alles im Westen bei Reichelt und Bolle von den 100 Westmark und einige dachten sie hätten Reichtümer. Kurz vor der Währungsunion wurde das gesamte Sortiment umgestellt. Das Wochenende vergesse ich nie, wir arbeiteten bis zum Umfallen. Aber es hat Riesenspaß gemacht. Alles war anders, allein diese Westdüfte, der Kaffee und das Obst, alles roch anders. Es herrschte totale Aufregung.

Von wem wurde die HO-Kaufhalle dann übernommen?
Die Kaufhalle wurde in eine Übergangsgesellschaft Hofka überführt. Das war eine Auffanggesellschaft der HO. Wir waren froh über das Weiterbestehen, denn viele kleine Läden in der Bölsche mussten schließen.

Bis wann arbeiteten Sie dort in der Fleisch- und Wurstabteilung?
Bis 2005 und dann hat man mich angesprochen, ob ich nach Rüdersdorf in die Kaiser’s-Halle gehen würde. (Anm. d. Red. Die heute ein Edeka-Markt ist.) Dort wurde ich gut aufgenommen und mir macht das heute noch Spaß. Sonst ginge das gar nicht, denn es wird auch immer mehr Druck aufgebaut: die Umsätze, die Zahlen, Inventuren; aber ich war von Anfang an dabei, ich meine mit 16 Jahren habe ich damit begonnen.

Werden Auszubildende im Handel gesucht?
Ja, und wie. Wir hatten früher zu den Kaiser’s-Zeiten ca. 1000 Auszubildende. Nun frage ich: Wo bleiben die jungen Leute, die Schulabgänger. Schichtarbeiten will wohl keiner mehr, obwohl es gut bezahlt wird. Im Handel wird gutes Geld gezahlt. EDEKA ist sehr bemüht mehr Lehrlinge zu finden. Aber es kommt keiner.

Woran könnte diese Entwicklung liegen ?
Es liegt an dem System. 50% der Schulabgänger wollen studieren, aber wo bleiben die anderen 50% der Schulabgänger? Lernen die jungen Leute heutzutage, dass man wirklich mitarbeiten muss? Werden sie zur Arbeit erzogen? Welche Kinder schippen noch mit, so wie wir früher, wenn ein Einfamilienhaus gebaut wurde? Und einen Gartenschlauch aufrollen, das kann kaum noch einer. Es ist das Bildungswesen, dieses Durcheinander, der ständige Schulwechsel schafft doch Probleme. Hatten wir zu DDR Zeiten so viele Probleme? Also ich kann mich nicht erinnern. Heutzutage müssen die Kinder schon frühzeitig zum Psychologen; dann haben sie eine Rechtschreibschwäche und können nicht rechnen. Meine Generation, wir sind nach der 10 Klasse raus, hatten alle eine Lehrstelle und rechnen konnten wir auch. Die Schulbildung müsste ganz anders sein.

Was meinen Sie mit mehr Druck. Wir reden jetzt über die Zeit nach der sogenannten Wende?
Mehr Druck, das auf jeden Fall. Man hat mehr Vorgaben, mehr Bürokram. Es gibt viel mehr Lieferanten als früher. Allen will man es gerecht machen: schöne Stände sollen es sein, gute Warenpräsentation, alles ordentlich und sauber. Dies mit immer weniger Personal. Nach wie vor gilt der Spruch: Willst du was werden, musst du was bringen. Auch zu DDR-Zeiten mussten die Zahlen stimmen, die Inventur, das Sortiment musste geordert werden. Die täglichen Besorgungen für die Familie, Kinder abholen, alles ohne Auto, pünktlich auf Arbeit sein, dies immer im Schichtsystem. Trotzdem: Zu DDR-Zeiten haben wir viel mehr gelacht.

Zu DDR-Zeiten war es anstrengender und trotzdem fröhlicher ?
Ich habe das nicht als anstrengender empfunden. Nein, anders war es. Die Kinder mussten sich von Anfang an auf alles einstellen; genau wie wir das bei unseren Eltern kennenlernten. Da war auch kein Gemaule. Wir waren glücklich. Ich muss ehrlich sagen, die Kinder waren stressfreier. Wir hatten kein Auto, keine moderne Heizung, nur Ofenheizung. Badeofen musste abends geheizt werden und wenn der Ofen warm war, wurden die Kinder gebadet. Was mich ganz doll aufregt ist, dass sie (die Kinder- Friday for future) uns hinsichtlich der Umweltverschmutzung anprangern. Heutzutage tragen doch viele Kinder bis 2. / 3. Lebensjahr Wegwerfwindeln. Unsere Kinder ( DDR) waren mit einem Lebensjahr sauber. Und die Windeln haben wir im Topf ausgekocht und als schneeweiße Windeln von der Wäscheleine genommen. Haben wir der Umwelt geschadet ?

Was würden Sie sich aus der DDR -Zeit wiederwünschen?
Dass die Leute nicht so „verknattert“ rumlaufen. Viele sind doch nur noch für sich. Früher wurde zusammen gefeiert, heute guckt keiner mehr den anderen an. Das ist doch das Schlimme. Und warum ist das neue Auto des Nachbarn wichtig? Mir ist das alles so egal. Ich muss nicht ständig ein neues Auto haben. Ich kann auch nicht sagen, ich bin nicht rausgekommen. Ich war mit meinem Mann in Ungarn und in der Tschechei. Zugegeben wir waren nie groß im Urlaub, meist waren wir im Spreewald. Dort bin ich aufgewachsen und dort erhole ich mich. Ab und an fahren wir eine Woche nach Thüringen, das reicht mir voll und ganz.

Hat sich die heutige Kundschaft im Unterschied zur DDR verändert?
Wir hatten zu DDR Zeiten nette, gute Kunden und viele Stammkunden. Heute ist es auch so. Nörgler gab es früher und gibt es noch immer. Heute heißt es in der Branche: Jeder Kunde ist zufriedenzustellen und darum bemühen wir uns wirklich. Ehrlich gesagt, es gibt doch alles. Vieles braucht man nicht und trotzdem ist der Mensch oft nicht zufrieden. Ich frage mich: Was muss es denn noch geben?

Ist vielleicht der Überfluss gar nicht nötig, denn glücklicher scheint die übergroße Auswahl auch nicht zu machen?
Vielleicht sind ja viele mit diesem übergroßen Angebot überfordert. Ich bin der Meinung, dass vieles eingeschränkt werden könnte. Müssen wir einen Apfel aus Australien essen? Müssen wir nicht! Oder warum muss ein Kunde meckern, wenn nachmittags um 3 Uhr die Himbeeren für 99 Cent nicht mehr da sind und dies im Winter. Dann sage ich: Mensch Leute, es gibt 100 andere Möglichkeiten, müssen es jetzt wirklich diese Himbeeren für 99 cent sein?

Das Interview wurde von Frau Hildegard Vera Kaethner mit der Fleischverkäuferin Frau Mandy Herrfurth aus Schöneiche Ende des Jahres 2019 geführt.